Stellungnahme der Jüdisch-Palästinensischen Dialoggruppe München zum Antrag „Gegen jeden Antisemitismus! – Keine Zusammenarbeit mit der antisemitischen BDS-Bewegung“ vom 11.7.2017

Bereits seit längerer Zeit sehen wir uns als Jüdisch-Palästinensische Dialoggruppe München einer zunehmend vehementen Kampagne gegen unser politisches Engagement ausgesetzt, die jetzt in Form des im Titel erwähnten Antrages eine ultimative Zuspitzung erfährt. 

Die Jüdisch-Palästinensische Dialoggruppe München hat sich im Jahre 1985 gegründet. Zunächst als rein informelle Zusammenkunft, erwachsen aus dem Bedürfnis, den jeweils Anderen kennen zu lernen, seine Geschichten, sein Leben und sein Leiden zu verstehen, getreu dem Diktum Martin Bubers: „Alles wirkliche Leben ist Begegnung.“

Aus diesem Selbstverständnis und dieser Ethik heraus, konnte es nicht bei informellen Abendessen bleiben und so bildeten sich politische Positionen heraus und es entstand das Bedürfnis diese in die Öffentlichkeit zu tragen. 

Seit vielen Jahren, bzw. Jahrzehnten sind die einzelnen Mitglieder der Jüdisch-Palästinensischen Dialoggruppe München auch außerhalb der Gruppe für Menschenrechte und gegen Antisemitismus, Rassismus und Menschenrechtsverletzungen aktiv. (Wir erleben, dasses leider nicht stimmt, dass ‚„klassische“ antisemitische Argumentationsmuster an Bedeutung verlieren‘. Die Akzeptanz von Rassismus und Antisemitismus auch in klassischer Form in unserer Gesellschaft wächst besorgniserregend.) Wir sind auch bewusst in die Arbeit mit jungen Menschen zu diesen Themen involviert. 

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Antrag "Gegen jeden Antisemitismus - Keine Zusammenarbeit mit der antisemitisichen BDS-Bewegung". Schreiben von Judith Bernstein an Oberbürgermeister Reiter vom 12.07.2017

der Rathausumschau sowie der heutigen SZ entnehme ich, dass die Stadtfraktionen von CSU und SPD einen Antrag „Gegen jeden Antisemitismus - Keine Zusammenarbeit mit der antisemitischen BDS-Bewegung“ an Sie gerichtet haben. Mit dem ersten Satz bin ich voll und ganz einverstanden. Aufgrund meiner persönlichen Geschichte fühle ich mich verpflichtet, mich für die Wahrung der Menschenrechte einzusetzen und zugleich gegen Antisemitismus zu kämpfen. Meine Eltern, die aus Deutschland fliehen mussten und meine Großeltern, die in Auschwitz umgebracht wurden, sind  für mich Antrieb, mich für eine transparente und differenzierte Auseinandersetzung mit dem Thema stark zu machen (schon seit vielen Jahren u.a. durch Beratung des Auswärtigen Amtes und Stärkung der zivilen Friedensgruppen). Die BDS-Bewegung als antisemitisch zu bezeichnen entspricht nicht der Wahrheit. Diese Bewegung geht auf das Versagen der Politik zurück. Sie würde sich erübrigen, wenn die europäische und deutsche Israel-Politik auf die Alternative drängte - nämlich auf das Ende der Besatzung und die Gleichstellung der palästinensischen und israelischen Bevölkerung. Allerdings ist BDS mittlerweile zum „Totschlagargument“ geworden, weil man sich dann mit dem eigentlichen Konflikt - der Besatzung - nicht mehr auseinandersetzen muss. Auch hat BDS nichts mit dem Nazi-Aufruf „Kauft nicht bei Juden“ zu tun. Die Juden wurden boykottiert nur weil sie Juden waren, hingegen kann Israel die Besatzung beenden und damit würde auch diese Kampagne enden.

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Warum ist BDS nicht antisemitisch

In ihrer Berichterstattung zur Absage der Tagung in Tutzing und zum Vortrag von Gideon Levy im Gasteig hat die Süddeutsche Zeitung sich hauptsächlich mit der BDS-Kampagne und nicht mit dem Inhalt der Veranstaltungen beschäftigt. BDS, das auf das Versagen der Politik zurückgeht, ist mittlerweile zum "Totschlagargument" geworden, weil man sich dann mit dem eigentlichen Konflikt - der Besatzung - nicht mehr auseinandersetzen muss. Im SZ-Interview mit dem israelischen Historiker Dr. Tom Segev „Bloss nichts Falsches sagen“ äußerte er sich: "Wenn Sie es ablehnen, etwas zu kaufen von einer Farm, die Teil einer systematischen Verletzung von Menschenrechten ist, dann sind Sie nicht nahe bei Antisemiten, die 'Kauft nicht bei Juden‘ sagen". In seinem Vortrag „ 50 years to the occupation - how is it possible?" meinte Gideon Levy, der für die Tageszeitung Haaretz schreibt, dass BDS ein legitimer gewaltloser Widerstandsakt der Palästinenser gegen die Besatzung ist. Und Professor Moshe Zimmermann aus Jerusalem hat bei seinem Vortrag „ Was heißt heute israelfreundlich?“ in München erklärt, dass die BDS-Kampagne von Israel aufgebauscht und als Antisemitismusvorwurf benutzt wird. Seiner Meinung nach dient BDS als Feindbild nachdem mit dem Atomabkommen der Iran nicht mehr als Feindbild herhalten kann. Warum hört die Presse nicht auf diese wichtigen Stimmen?

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Schreiben an die Redaktion der Süddeutschen Zeitung zu den Beiträgen "Ausgewogen oder antisemitisch. Tagung zum Nahost-Konflikt" vom 21.04.17 und "Umstrittener Gast im Gasteig" vom 26.05.17

Sehr geehrte Damen und Herren,

die Berichterstattung Ihrer Journalisten in der SZ zu den Veranstaltungen, die den israelisch-palästinensischen Konflikt betreffen, war sehr parteiisch. Man muss also annehmen, dass die Autoren sehr einseitig informiert wurden.

Mir ist bekannt, dass viele Leserbriefe bei Ihnen eingegangen sind. Bis heute ist kein einziger Leserbrief veröffentlicht worden. Ich halte dies für sehr bedenklich. Wenn Leser und Betroffene nicht die Möglichkeit haben, voreingenommene Journalisten zu widersprechen, dann werden die Presse- und Meinungsfreiheit untergraben und die Öffentlichkeit manipuliert.

Mit freundlichen Grüßen

Judith Bernstein

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Philosemiten und Antisemiten, die die Juden lieben.

Abraham Melzer

Gideon Levy hat in München im Gasteig gesprochen, obwohl Oberbürgermeister Dieter Reiter es am liebsten verboten hätte. Nur pure Angst vor der Justiz hat ihn daran gehindert. Wohl mit Schaum vor dem Mund hat Bürgermeister Schmid verlautbaren lassen, dass selbst „grenzwertigen Äußerungen sollen künftig in kommunalen Gebäuden nicht mehr zugelassen werden.“ Da ist sich wohl die Stadtregierung einig und die Presse schweigt. Und Dieter Reiter, der gewählte Oberbürgermeister, vollendet die Aussage seines Stellvertreters, indem er sagt, dass die Stadt Veranstaltungen mit antisemitischen Tendenzen nicht ermöglichen werde. Bleibt abzuwarten was „grenzwertige Äußerungen“ sind oder sein werden. Es wäre ratsam, wenn die Stadt bald eine Liste solcher Äußerungen veröffentlichen würde, damit jeder weiß woran er ist.

Das sagen auch Oberbürgermeister und Bürgermeister in vielen anderen Städten der Republik, von Frankfurt bis Hamburg und von Köln bis Berlin. Und die Presse, die eigentlich unsere Demokratie bewachen sollte, schweigt und pflichtet zuweilen auch zu, wie erst gestern im Beitrag von Heiner Effern und Jakob Wetzel in der Süddeutschen Zeitung.

„Von innen heraus werde sich daran (an der Lage im Nahen Osten A.M.) nichts ändern. Was sei da legitimer als ein Boykott“, fragt Levy. Und die SZ macht sich zum Sprachrohr der Kritiker und fragt: „Wie könne es sein, dass ein solcher Vortrag nach wie vor in städtischen Räumen stattfinden kann“, wo doch der Bürgermeister und sogar der Oberbürgermeister schon 2015 versprochen haben, dass „solche Veranstaltungen künftig nicht mehr“ in städtischen Räumen stattfinden werden.

Die Stadt scheint Angst zu haben vor Boykottaufrufe gegen Israel. Deshalb habe die Stadt einen Aufpasser hingeschickt, der die Veranstaltung bei entsprechenden Äußerungen abbrechen soll. Bei Boykottaufrufe gegen Nord-Korea oder gegen den Iran hätte man wohl nichts getan. Wenn aber Boykott gegen den Iran und gegen Nord-Korea legitim sind, wohl um zu verhindern, dass diese Staaten Atombomben bauen, warum darf man Israel nicht boykottieren, dass Atombomben schon hat? Gefahr droht uns eher von Israel als vom Iran, der noch Jahre oder gar Jahrzehnte benötigen wird, um so weit zu sein wie Israel.

Und haben nicht erst gestern die Mitglieder der G7 Staaten dazu aufgerufen Russland zu „sanktionieren“? Ist das nicht auch ein Boykott? Lernen wir nicht daraus, dass Boykott ein anerkanntes und oft bewährtes Mittel der Politik ist? Warum soll der Boykott israelischer Waren, und dazu noch beschränkt auf Waren aus den besetzten Gebieten, etwas Besonderes sein? Und wieso richtet sich dieser Boykott gegen Juden?

Warum und wieso konnte der Vortrag stattfinden, wo er doch von der Stadt nicht gefördert wird? Die Antwort ist schlicht und einfach: Die Veranstalter, die „Jüdisch-Palästinensische Dialoggruppe München“, unter Leitung von Judith Bernstein, eine koschere Jüdin und sogar noch Israelin, haben den Raum gemietet, und nachdem ein Gericht in Frankfurt in einem ähnlichen Fall entschieden hat, dass eine Kündigung rechtlich nicht zulässig ist, hat ein Gutachten der Rechtsabteilung der Stadt München festgestellt, dass es wohl besser wäre sich an Recht und Gesetz zu halten, als eine Blamage vor einem Gericht zu riskieren. Natürlich besteht die Gefahr, dass Städte in Zukunft keine Räume mehr vermieten werden, zumindest nicht an Organisationen, die die israelische Politik kritisieren. Es wäre deshalb wichtig und notwendig eine Stadt wie München nicht nur auf die Erfüllung eines Vertrages zu verklagen, sondern ein für alle Mal einen Musterprozess über die gesetzliche Pflicht zur Schließung eines Mietvertrages zu führen. Ein Gericht soll klären ob Bürgermeister, Stadtkämmerer oder Kirchen Oberhaupte städtische Räume verweigern können wegen „grenzwertigen Äußerungen“. Das Grundgesetzt garantiert uns Meinungsfreiheit und das Recht unsere Meinung zu äußern, auch wenn sie „grenzwertig“ ist und einem Oberbürgermeister nicht gefällt, wobei jeder weiß, dass es nicht an den Oberbürgermeister liegt, sondern an dem Druck, der auf ihn ausgeübt wird. In München ist es meistens Charlotte Knobloch. In anderen Städten die üblichen Verdächtigten.

Die große Frage ist und bleibt: Wann werden endlich deutsche Bürgermeister und Oberbürgermeister kapieren, dass sie nicht nach Lust und Laune Veranstaltungen verbieten können, dass es nicht in ihrer Macht und Kompetenz liegt zu bestimmen wann und wo „antisemitische Tendenzen“ vorliegen und erst recht nicht bei jüdischen und israelischen Referenten. Denn wenn Gideon Levy, oder Ilan Pappe, oder Mosche Zuckermann ihre Regierung kritisieren, und meistens zu Recht, wäre es angebracht, dass möglicherweise gehirngewaschene Journalisten wie Esther Schapira oder Jutta Ditfurth besser schweigen. Wie kommt eine Jutta Ditfurth dazu, deren Großeltern und Urgroßeltern bis zum Lügenbaron Münchhausen „brennende Antisemiten“ waren, Kritiker der israelischen Politik als Antisemiten zu verleumden? Und Esther Schapira glaubt wohl, dass sie das darf, weil ein wenig jüdisches Blut in ihren möglicherweise arischen Adern fließt.

Antisemitismus ist nicht der Sozialismus des Pöbels, sondern in letzter Zeit offensichtlich auch das Hobby vieler angeblich linker Intellektuelle und rechter Reaktionäre geworden, die früher einmal auch linke Intellektuelle waren. Und da sie eben intellektueller als der Pöbel sind, machen sie sich an die Juden von hinten ran, als Philosemiten. Aber sie vergessen, oder vielleicht wissen sie es wirklich nicht, dass Philosemiten auch Antisemiten sind, die aber Juden lieben.

 

 

Gideon Levy: "50 years to the occupation: how is it possible", Gasteig München, 24.05.2017

Einführung von Judith Bernstein

Im Namen der Jüdisch-Palästinensische Dialoggruppe begrüße ich Sie zur heutigen Veranstaltung. Zunächst möchte ich mich bei Frau Di Gennaro bedanken, dass wir in der Black Box tagen dürfen, bei Frau Tiedemann der Petra-Kelly-Stiftung für ihre Unterstützung und bei der Rose-Luxemburg für die Planung der Reise von Herrn Levy. Ich freue mich, dass es uns gelungen ist, Gideon Levy auch nach München einzuladen.

50 Jahre Besatzung – wie ist das möglich. Diese Frage muss sich jeder von uns stellen.

Den Sechs-Tage-Krieg habe ich als Studentin in München erlebt. Ich erinnere mich, wie stolz viele von uns auf den kleinen Staat Israel waren, der innerhalb sechs Tagen einen so großen Sieg errungen hat. Die Palästinenser interessierten die meisten von uns nicht. Wenn man sie überhaupt wahrnahm, dann nur durch die Augen der Israelis.

Diese Haltung änderte sich nur sehr langsam. Auch die Medien, die in den Anfangsjahren nur aus israelischer Sicht berichteten, haben erst spät begonnen, auch über die Palästinenser zu schreiben. Hinzu kamen die Selbstmordattentate, die die Palästinenser darstellten, als ob sie einen genetischen Defekt haben und als Selbstmörder auf die Welt kommen – als ob es keine Vorgeschichte gab. 

Die Jüdisch-Palästinensische Dialoggruppe ist 1985 entstanden. Ich selbst bin erst seit 1991 dabei. Unsere größte Herausforderung war das Jahr 1993 mit der sogenannten „Osloer-Prinzipienerklärung“, als wir, der jüdische Part, an einem Durchbruch glaubten und die Palästinenser skeptisch dieser Vereinbarung gegenüberstanden.

Ich fahre jedes Jahr nach Israel und Palästina und muss leider feststellen, dass sich die Situation für die Palästinenser von Jahr zu Jahr verschlimmert. Und doch hat sich die palästinensische Gesellschaft trotz ihrer desolaten Lage weniger verändert als die israelische. Ich erkenne die israelische Gesellschaft nicht wieder. Von dem kleinen säkularen Staat, der gerade nach dem Holocaust mit so viel Hoffnung aufgebaut wurde, ist zum Teil ein national-religiöser, in sich zerrissener Staat geworden. Wie konnte das passieren?

Es gibt keinen Konflikt, zu dem so viele Resolutionen verabschiedet wurden, Beiträge geschrieben und so viele Friedensinitiativen und Konferenzen stattgefunden haben. Und dennoch sind sie alle gescheitert. Und die Frage ist warum?

Ich denke, dass auch wir dazu beigetragen haben. Seit Jahren wissen wir, was im Gebiet zwischen Mittelmeer und Jordan geschieht, und dennoch schweigen wir. Unsere Politiker haben ihre eigene Rhetorik nicht umgesetzt. Dies hat dazu geführt, dass sämtliche israelische Regierungen das Gefühl der Narrenfreiheit haben. Wollen wir es nicht wissen, weil es das ideale Bild, das wir von Israel hatten, zerstören würde? Hat es wirklich etwas mit der jüdisch-deutschen Geschichte zu tun, oder ist dies nur eine Ausrede? Oder liegt es daran, dass wir den Konflikt nicht verstehen, weil wir ihn mit europäischen Augen sehen? Warum haben wir – bis zur Reise von Außenminister Gabriel - nicht die Friedensgruppen in beiden Ländern offiziell unterstützt, die aus Sorge um die Zukunft ihrer Völker, die letzte Hoffnung auf eine Lösung des Konflikts darstellen?

Warum haben wir uns nicht mit denjenigen Personen beschäftigt, die mehrheitlich aus Deutschland nach Palästina eingewandert sind, und schon in den 20iger Jahren des letzten Jahrhunderts vor dem gewarnt haben, was heute stattfindet - wie die Leute von Brit Shalom? Viele Fragen auf die Gideon Levy uns hoffentlich eine Antwort geben kann.

Vielen von Ihnen muss ich Gideon Levy nicht vorstellen, dennoch möchte ich einige Sätze zu seiner Vita sagen:

Gideon Levys Vater, der Landgerichtsrat Heinz Loewy, floh 1939 vor den Nazis mit einem Schiff aus dem Sudetenland und landete als illegaler Flüchtling im Hafen von Jaffa. Auch die Mutter floh aus Europa. Wenn ich Gideons Lebensgeschichte lese, so sehe ich eine große Ähnlichkeit zu der meinen. Auch seine Eltern sprachen zuhause Deutsch und blieben Zeit ihres Lebens entwurzelt. Das war das Schicksal sehr vieler Jekkes – der Juden, die aus Deutschland kamen.

Gideon Levy wurde 1953 in Tel Aviv geboren und studierte Politikwissenschaft. Nach der Schule leistete er seinen Militärdienst bei einem Radiosender ab. Von 1978 bis 1982 war er enger Mitarbeiter von Shimon Peres. Anschließend startete er eine journalistische Karriere bei der liberalen Tageszeitung Haaretz, bei der er auch heute beschäftigt ist.

Sein großes Verdienst ist es, dass er über die Lebensverhältnisse der Palästinenser unter der israelischen Besatzung berichtet. Seit mehr als 30 Jahren recherchiert er als Reporter und Kolumnist in den palästinensischen Gebieten (früher auch im Gazastreifen) und ermöglicht so seinen Lesern, einen von der Militärzensur ungetrübten Blick auf die schwierige Lage. Sein Credo:

„Ich schreibe für eine israelische Zeitung für Israelis, nicht für Palästinenser. Ich schreibe für diejenigen Israelis, die lesen wollen, was die Palästinenser unter israelischer Besatzung durchmachen. Ich schreibe aus israelischer Sicht, für mich aus patriotischer Sicht, und zwar darüber, was wir ihnen antun, nicht um ihnen zu helfen, sondern damit wir es wissen.“

In diesen Berichten beschreibt Levy die inhumane Situation von Menschen nach der Enteignung ihrer Grundstücke, der Zerstörung ihrer Häuser, ihren absichtlich oder unbeabsichtigt herbeigeführten Tod und ihre Verletzungen. Seine Kommentare lösen regelmäßig heftige Debatten aus.

2004 erschien eine Auswahl der Kolumnen in Buchform unter dem Titel „Twilight Zone – Life and Death under the Israeli Occupation“. In deutscher Sprache liegt es unter dem Titel „Schrei, geliebtes Land. Leben und Tod unter israelischer Besatzung“ vor.

Gideon Levy erhielt mehrere Preise, u.a. 1996 den „Emil Grünzweig Human Rights Award“ benannt nach dem jungen Israeli, der 1983 bei der Großdemonstration gegen den Krieg im Libanon in Jerusalem getötet wurde.

2003 zusammen mit dem palästinensischen Journalisten Daoud Kuttab den Preis für die Freiheit und Zukunft der Medien

2008 den Journalism Award der Anna Lindh Foundation

2012 den Peace Through Media Award

und 2015 zusammen mit dem Pastor Mitri Raheb aus Bethlehem den Olof Palme Preis

Nach der Veröffentlichung seines Buches „The Punishment of Gaza“ im Jahr 2010 sah er sich massiver Kritik ausgesetzt.

Gideon hat die Kriege gegen den Gazastreifen verurteilt, u.a. galt seine Kritik auch den Piloten, und er fragte, wie sie nachts schlafen können angesichts ihrer Taten. Dafür wurde er sogar von einigen „Linken“ attackiert und musste geschützt werden.

In einem Interview mit dem Deutschlandfunk hat er ausgeführt, dass niemand in Israel an Frieden glaube. Deshalb fordert er dazu auf, die Stimme laut gegen die israelische Politik zu erheben „Israel übt jetzt keine Gerechtigkeit und hält das Völkerrecht nicht ein“, sagt er. Er befürchtet, dass Israel das Opfer der eigenen Politik werden könnte.  

Gideon Levy bezeichnet sich selbst als Patrioten. Er meint, dass „die meisten Israelis heute mehr mit ihrem nächsten Urlaub oder mit dem Auto beschäftigt sind als mit der Zeitbombe, die über ihrem Kopf hängt“.

Er liebt sein Land und fühlt sich diesem Staat so verbunden, dass er nie daran gedacht hat, Israel zu verlassen oder eine andere Staatsangehörigkeit anzunehmen. Er sagt: „Das ist mein Land. Ich liebe diesen Staat und sorge mich um ihn, deshalb bin ich so kritisch“.

Seine Zeitung „Haaretz“ ist in der letzten Zeit unter Kritik geraten, u.a. wegen der kritischen Beiträge von ihm und seiner Kollegin Amira Hass. Dies hat ihn veranlasst, eine Entschuldigung an die Leser zu schreiben. Daraus möchte ich folgenden Satz zitieren:

„Ich entschuldige mich für die Einseitigkeit. Wie konnte ich unausgewogen sein zwischen Mörder und Ermordetem, Dieb und Geschädigtem, Besatzer und Besetztem? Vergeben Sie mir, dass ich Ihnen die Freude verderbe und den Stolz auf ein Land, in dem Milch fließt und Mobileye mitfährt, und außerdem gibt es Cherry-Tomaten. Es gibt so viele wunderbare Dinge in diesem Land, und „Haaretz“ - mit seiner „verdorbenen Moral“, wie Sie sagen, - verdirbt die Freude daran. Wie konnte ich übersehen, dass Sie die Wahrheit nicht lesen möchten, und das nicht berücksichtigen, wenn ich aus den Besetzten Gebieten zurückkam, jede Woche, um über das zu schreiben, was ich mit eigenen Augen gesehen habe?“  

Diesen Beitrag sowie weitere Dokumente finden Sie draußen am Eingang zur Black Box. Außerdem möchte ich Sie darauf aufmerksam machen, dass wir Spenden für die palästinensischen Bewohner des Jordantals sammeln. Das Jordantal ist zum großen Teil militärisches Übungsgelände. Wenn die Armee ihre Schießübungen ausübt (das geschieht das ganze Jahr über) müssen die Dörfer geräumt werden. Dann muss die Bevölkerung mit ihren Tieren bei Regen und bei größter Kälte unter freiem Himmel die Nächte verbringen. Sie sind gern eingeladen, hierfür zu spende, die Konto-Nr. finden Sie auf unseren Flyer. Außerdem haben wir Listen ausgelegt, in denen Sie sich eintragen können, wenn Sie weitere Einladungen der Dialoggruppe erhalten möchten. Ich möchte Sie zu unserer nächsten Veranstaltung einladen. Prof. Moshe Zimmermann aus Jerusalem wird am 13. Juni in der Initiativgruppe, Karlstrasse 50, einen Vortrag halten zum Thema „Was heißt heute israelfreundlich“? (dabei geht es auch um die Besuche von Außenminister Gabriel und Bundespräsident Steinmeier in Israel und um die Absage in Tutzing, zu der Prof. Zimmermann als Referent eingeladen war).

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Eine tief empfundene Entschuldigung an die Leser von Haaretz

Gideon Levy, Haaretz | Apr. 20, 2017 |

An alle gekränkten Leser: Ich entschuldige mich für meine Einseitigkeit. Wie konnte ich unausgewogen sein zwischen Mörder und Ermordetem, Dieb und Geschädigtem, Besatzer und Besetztem?

Liebe Orna Gan-Zvi, lieber Moshe Gan-Zvi, es hat mich traurig gemacht in der Dienstag-Ausgabe von Haaretz von Ihrem Beschluss zu lesen, das Zeitungs-Abonnement abzubestellen. Ich kenne Sie nicht, aber ich werde Sie als Leser vermissen. Erlauben Sie mir, als einem, der zumindest teilweise für Ihre Entscheidung verantwortlich ist, wie Ihr Artikel andeutet, mich zu entschuldigen. Mich zu entschuldigen, dass ich all die Jahre die Wahrheit geschrieben habe. Ich hätte damit rechnen müssen, dass diese Wahrheit für Sie unangenehm ist und entsprechend handeln müssen. Es war nicht sehr erfreulich für Sie, von meiner Kollegin, der Korrespondentin Amira Hass und mir über unsere Theorie von der Besatzung zu lesen. Sie sind aktiv bei den israelischen Rotariern, in der Geschäftswelt, und sind so stolz auf Ihre Kinder, und die Tatsache, dass sie in „Judäa und Samaria“ leben. Ihr Sohn ist Absolvent der Militär-Akademie Eli, und Ihre Enkelinnen tragen stolz den Familiennamen Sheetrit. Sie, die Sie so zufrieden sind mit sich und Ihren Werten, mit Ihren Kindern und Ihrer Moral, meinen, Sie sollten nicht von unangenehmen Wahrheiten lesen müssen. Das haben Sie einfach nicht verdient.

Wie konnte ich tatsächlich all die Jahre Artikel veröffentlichen, die sogar Sie, großzügigerweise, berührend fanden, ohne je nachzuprüfen, zu meiner Schande, wie diese palästinensischen Familien in ihre missliche Lage gelangt sind? Wie sind sie also so weit gekommen? Natürlich sind sie selbst schuld, ich aber beschuldige immer wieder die israelische Verteidigungsarmee - wie konnte ich nur? Und wie konnte Amira Hass so einseitig und verständnislos sein und nicht sehen und erklären, wie ein Volk die Beseitigung eines anderen dem Aufbau einer demokratischen Gesellschaft vorzieht? Wirklich Amira, wie konntest Du?

Ich nehme an, Moshe, wenn Sie Jahre lang in einem Käfig eingesperrt würden, blieben Sie dennoch Mitglied im Rotary-Club und würden einen Kampf gegen Ihre Inhaftierung nicht unterstützen. Ich vermute, Orna, wenn fremde Soldaten mitten in der Nacht in Ihr Zuhause eindringen und Ihren Moshe vor Ihren Augen festnehmen, ihn treten, auf die Knie zwingen, ihm die Augen verbinden, ihm Handfesseln anlegen, ihn vor den Augen Ihrer Kinder, Schüler der Akademie Eli, schlagen, - und ihn dann von zu Hause wegbringen, Monate lang inhaftieren, ohne Gerichtsverhandlung, - würden Sie sich um eine „kreative Führung“ für ihr Volk bemühen.

Ich nehme an, dass Sie, die Sie aus der Geschäftswelt kommen, liebevoll diejenigen empfangen würden, die ihren Besitz konfiszieren und Ihnen Ihren Landbesitz wegnähmen. Ich bin sicher, es würde Ihnen nicht einfallen, die zu bekämpfen, die Sie über so viele Jahre boshaft gequält haben.

Was tun? Die Palästinenser sind einfach anders als Sie liebe Orna, lieber Moshe. Sie sind nicht alle so hochwohl-geboren. Sie sind menschliche Tiere, blutrünstig, geboren, um zu töten. Nicht alle sind so moralisch einwandfrei wie Sie und Ihre Kinder aus der Akademie Eli.  Ja, es gibt Leute, die um ihre Freiheit kämpfen. Es gibt solche, die gezwungen sind, dabei Gewalt anzuwenden. Eigentlich gibt es fast keine Nation, die anders gehandelt hat, einschließlich des auserwählten Volkes, zu dem zu gehören Sie so stolz sind. Sie gehören nicht nur dazu, Sie sind die Feuer-Säule, die vor uns her zieht, Sie sind die Besten, die moralische Elite, - Sie, die religiösen Zionisten.

Ich entschuldige mich für die Einseitigkeit. Wie konnte ich unausgewogen sein zwischen Mörder und Ermordetem, Dieb und Geschädigtem, Besatzer und Besetztem? Vergeben Sie mir, dass ich Ihnen die Freude verderbe und den Stolz auf ein Land, in dem Milch fließt und Mobileye mitfährt, und außerdem gibt es Cherry-Tomaten. Es gibt so viele wunderbare Dinge in diesem Land, und „Haaretz“ - mit seiner „verdorbenen Moral“,  wie Sie sagen, - verdirbt die Freude daran. Wie konnte ich übersehen, dass Sie die Wahrheit nicht lesen möchten, und das nicht berücksichtigen, wenn ich aus den besetzten Gebieten zurück kam, jede Woche, um über das zu schreiben, was ich mit eigenen Augen gesehen habe? 

Jetzt ist es zu spät. Der Aufruf, Schokoladen-Brotaufstrich zu boykottieren, war sogar für Sie zu viel, und so haben Sie beschlossen, Haaretz zu boykottieren. Von nun an wird am Samstag auf dem Tisch des Hauses nur die wöchentliche rechts gerichtete „Makor Rishon“ liegen. Darin wird nicht zu lesen sein, wie Soldaten der IDF vor drei Wochen fünf Palästinenser in einem Auto mit Kugeln durchsiebt haben. Ich bin sicher, Ihre Samstage werden in Zukunft sehr viel erquicklicher sein.

Link zum Original: http://www.haaretz.com/opinion/1.784352

 

Mein Schreiben an Außenminister Sigmar Gabriel vom 04. April 2017

Sehr geehrter Herr Minister Gabriel,

als mein Mann und ich vor mehr als zehn Jahren einen Termin im Auswärtigen Amt wahrnahmen, wurden wir mit dem Satz empfangen: „Wir machen uns große Sorgen um den wachsenden Antisemitismus.“ Wir antworteten, dass das Ende der israelischen Besatzung der Gefahr des Antisemitismus Einhalt gebieten könne.

Es ist richtig, die fortgesetzte Siedlungspolitik zu verurteilen – wie Sie es am 31. März 2017 erneut getan haben. Doch die Rhetorik allein reicht nicht aus, solange ihr keine politischen Konsequenzen folgen. Dies hat dazu geführt, dass die von der internationalen Diplomatie beschworene Zwei-Staaten-Lösung immer unrealistischer wird.

Mit Recht verurteilen wir die Menschenrechtsverletzungen in Ländern wie der Türkei und Russland. Zu fünfzig Jahren Unterdrückung, Erniedrigung und Freiheitsberaubung der palästinensischen Bevölkerung aber schweigen wir.

Ein immer größerer Teil der deutschen Öffentlichkeit positioniert sich gegen die israelische Regierung und ihre Unterstützer. Jüdische Gemeinden, die jede Kritik an der israelischen Politik als „Antisemitismus“ abtun sowie Institutionen, die thematisch kritische Veranstaltungen verbieten, werden als Komplizen der israelischen Regierung wahrgenommen. Das Einknicken deutscher Institutionen wie unlängst in Berlin, Hamburg, Göttingen und Frankfurt (und derzeit in München, wo der Vortrag eines der bekanntesten israelischen Journalisten - der täglich in Israel publiziert - verboten werden soll), wird als Angriff auf die eigene Meinungsfreiheit verstanden und schürt noch eher den Antisemitismus. Das Klima ist mittlerweile so vergiftet und die Fronten dermaßen verhärtet, dass ich die große Befürchtung habe, dass eines Tages dies auf uns alle Jüdinnen und Juden zurückschlagen wird.

Die Bewegung „Boykott, Entzug von Investitionen, Sanktionen“ (BDS) würde sich erübrigen, wenn die europäische und deutsche Israel-Politik auf die Alternative drängte – nämlich auf das Ende der Besatzung und die Gleichstellung der palästinensischen Bevölkerung in Israel und Palästina. Erst dann hat die Zwei-Staaten-Lösung noch eine Chance. Israel wird in Ihrer Pressemitteilung die unverbrüchliche Freundschaft zugesichert, obwohl mittlerweile die politische Verfolgung auch jüdische Dissidenten trifft. Wen meinen wir, wenn wir von „Israel“ reden? Wer sich um die Zukunft Israels sorgt, der sollte auch nicht vor Sanktionen zurückschrecken – dies hat nichts mit der deutsch-jüdischen Geschichte zu tun. Ansonsten droht diesem Staat der moralische Bankrott.

Ich selbst bin als Tochter deutsch-jüdischer Eltern, die vor dem Nationalsozialismus fliehen mussten, in Jerusalem geboren und lebe seit über 40 Jahren in Deutschland. Mein Engagement in diesem Konflikt lässt sich dreifach begründen: Erstens kenne ich die Situation vor Ort und sehe keinen Grund, warum die Palästinenser nicht die gleichen Rechte wie die jüdischen Israelis genießen sollten. Zweitens ist für mich Israel nicht nur der Staat Benjamin Netanyahus und seiner Regierung, sondern auch das Israel der Friedensgruppen, die wir unterstützen sollten. Drittens lebe ich gern in Deutschland und möchte nicht, dass der Antisemitismus wieder salonfähig wird.

Abschließend möchte ich noch auf eine Tagung eingehen: Zusammen mit der Evangelischen Akademie Tutzing organisiere ich im Mai eine Konferenz mit dem Thema „Nahost-Politik im Spannungsdreieck. Israelisch-palästinensische Friedensgruppen als Lernorte für deutsche Politik“. Wir haben die besten israelisch-palästinensischen Friedensgruppen eingeladen, doch leider haben uns alle aktiven deutschen Politiker abgesagt. Es ist klar, dass wegen der bevorstehenden Wahlen einige Politiker absagen mussten. Damit wird allerdings eine Chance vertan, denn diese Gruppen sind die einzigen, die noch zusammenarbeiten.

Mein Ehemann, der Historiker Reiner Bernstein beschäftigt sich seit mehr als 50 Jahren mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt und kennt große Teile der arabischen Welt. Er hat gerade ein Buchmanuskript fertiggestellt, in dem er der Frage nachgeht, warum die internationale Diplomatie an diesem Konflikt seit der britischen Mandatszeit scheitert: Es ist, um Jacques Delors zu zitieren, der Verzicht auf ein „tieferes Verständnis für die religiösen und philosophischen Vorstellungen anderer Zivilisationen“. Um ein solches Verständnis zu gewinnen, bedarf es eines Abgleichs jüdisch-theologischer Quellen mit der israelischen Realpolitik.

Ich freue mich auf Ihre Antwort.

Mit freundlichen Grüßen

Judith Bernstein

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

                                                                                                      

 

 

Gemeinsame Erklärung der Palästinensischen Gemeinde Deutschland Hannover e.V. und der Jüdischen Gemeinde Hannover

Hannover kann überall sein!

Das Problem der proisraelischen und propalästinensischen Gemeinden und Gruppierungen ist, dass sie sich, wenn sie in den Dialog treten, das Gespräch auf die unterschiedlichen Positionen zum Nahostkonflikt reduzieren.

Der bisher fehlgeschlagene Dialog läuft nach einem typischen Muster ab: Man streitet über recht und Unrecht. dann erwartet man, dass der Gegenüber die eigene Position voll und ganz übernimmt. Dabei geht man davon aus, dass jede seite die Wahrheit, die einzig vollkommene Wahrheit für sich beansprucht. Am Ende vergisst man fast beiläufig, dass weder die eine noch die andere Gemeinde im fernen Deutschland die Entwicklung im nahen Osten tatsächlich verändern kann.

Wir haben in Deutschland nahezu ideale Vorraussetzungendurch Demokratie, Meinungsfreiheit und Frieden, ins Gespräch zu kommen und dies passiert im täglichen Leben, bewusst oder unbewusst.

Als deutsch-jüdischer Mitbürger kann man sich von einem palästinensisch stämmigen deutschen facharzt behandeln lassen oder als palästinensischer Klient bei einem deutsch-jüdischen Anwalt landen. Die gemeinsamen Nenner, die dadurch berührt werden, Patient zum Arzt und Klient zum Anwalt etc. stehen über den unterschiedlichen Ansichten zum nahöstlichen Konflikt.

Getreu nach diesem Motto, suchten wir in Hannover das Gespräch über Gemeinsamkeiten und nicht von Differenzen. Wir lernten durch zuhören die Meinung des Anderen zu repektieren und verstanden, dass keine der beiden Seiten das Recht hat, die einzige Wahrheit zu besitzen.

Wir haben aber auch schnell verstanden, dass wir nicht in der lage sind und nie sein werden, DIE Lösung des Nahostkonflikts zu präsentieren. Abgesehen davon, dass wir keinen internationalen Auftrag dafür haben, die perfekte Lösung für den Nahostkonflikt zu erarbeiten. und selbst wenn es uns gelänge, die perfekte Lösung zu entwickeln, würde dies, im entfernten Washington, Jerusalem, oder Tel Aviv, niemanden wirklich interessieren. Es wäre vermessen zu glauben, dass wir als jüdische oder palästinensische Gemeinde in Deutschland tatsächlich den lauf der Dinge verändern können.

Wir können aber uns selbst verändern, indem wir dem Anderen zuhören, auf gemeinsamen Werten aufbauenund die Differenzen, die unüberbrückbar sind und bleiben, bei Seite stellen. Diesem Beispiel kann man sehr wohl in München und auch anderswo folgen, wenn man den Mut und den Willen aufbringen würde, aufeinander zuzugehen.

Dr. Yazid Shammout,

Vorsitzender Palästinensische Gemeinde Hannover e.V. 

Michael Fürst,

Vorsitzender Landesverband der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen

Roderick Balfour über die von seinem Großvater verfasste Balfour-Erklärung

1917 schrieb mein Ahne Arthur Balfour als Britischer Außenminister die Balfour-Deklaration -  eine großartige humanitäre Initiative, um Juden ein Zuhause in ihrer alten Heimstätte zu geben, vor dem Hintergrund der entsetzlichen russischen Pogrome. Es ist uns jedoch bewusst, dass ein zentraler Grundsatz der Deklaration über die Jahrzehnte zwischenzeitlich fast in Vergessenheit geriet: Respekt vor der Stellung der (arabischen) Palästinenser.

Die zunehmende Unfähigkeit Israels zur Thematisierung dieser Bedingung, verbunden mit der Expansion der jüdischen Siedlungen in arabisches Territorium, sind zentrale Faktoren beim weltweiten Anwachsen des Antisemitismus.

Wenn es eine Chance geben soll, diese Situation zu neutralisieren, dann dadurch, dass Israel die Resolutionen der Vereinten Nationen respektiert (derselben Vereinten Nationen, die vor 70 Jahren Israel Legitimität verliehen haben) und dafür sorgt, den Palästinensern ihren eigenen Staat zu gestatten. Selbstverständlich wird dies eine Diskontinuität und einen politischen Umbruch in Israel bedeuten, und so ist es enttäuschend, dass Präsident Trump diese Woche zu diesem Thema mehr wie Janus wirkte.

Trotzdem ist Premierminister Benjamin Netanyahu dies den Millionen Juden auf der ganzen Welt schuldig, die im Wesentlichen wegen der Ergebnisse der israelischen Innenpolitik zu leiden haben, als auch den in Unfreiheit lebenden Palästinensern.

Daher glauben wir nicht, dass das hundertjährige Jubiläum der Deklaration in diesem Jahr sinnvoll gefeiert werden kann, außer es wird Fortschritt erzielt, und zwar bald. Gleichzeitiges Bemühen, Jerusalem zu einer international gesicherten Hauptstadt aller drei abrahamitischer Religionen zu machen, könnte die ursprünglichen Absichten noch verwirklicht sehen.

RODERICK BALFOUR

London

Original: https://www.nytimes.com/2017/02/16/opinion/the-presidents-turn-on-the-mideast-road.html

Ja, das Gesetz boykottieren!

von Ilana Hammermann

Infolge des Beitrages von Dimitry Shovisky in Haharetz vom 19.3.2017 (Das Boykottgesetz boykottieren), füge ich meine Stimme zu seinem Aufruf hinzu und schlage vor, es als Aktion zum 50. Jahrestag der Besatzung auszurufen. Die Menschenrechtsorganisationen und die Friedensbewegung in Israel sollten zusammengehen, sie und alle Israelis, denen das physische und moralische Schicksal Israels wichtig und teuer ist. Israels Bürger sollten Mut haben und sich an die internationale Gemeinschaft mit folgendem Aufruf wenden:

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Wir, hunderttausende Bürger Israels, wenden uns an die internationale Gemeinschaft und fordern, Israel mit politischen und wirtschaftlichen Sanktionen zu bestrafen, um es zu zwingen, seine Bürger von den Gebieten, die 1967 erobert wurden, zurückzuziehen. Wir gehen diesen Schritt mit Schmerzen, aber auch aus Liebe zu unserem Land und einer immer größer werdenden Angst, nicht nur um seine moralische Erscheinung, sondern auch um seine Zukunft und seine Existenz – aber auch unserer eigenen Existenz. 

Die internationale Gemeinschaft spricht von der Zwei-Staaten-Lösung, die in Frieden und Sicherheit Seite an Seite leben sollen: ein jüdischer Staat und ein palästinensischer Staat. Aber der israelische Staat vereitelt diese Lösung und macht sie unmöglich. Während 50 Jahre des Militärregimes in der Westbank, hat Israel sich in direkten und indirekten Wege über das Land ausgebreitet (inklusiv Ostjerusalem, das sich heute von Ramallah bis Bethlehem erstreckt) und hat dort ca. 600 000 israelische Bürger in hunderten von Siedlungen angesiedelt. Israel liefert diesen Siedlungen eine komplette Infrastruktur von Straßen, Wasser, Strom, baut dort Krankenhäuser und Schulen, und bietet den Bewohnern die volle israelische Staatsbürgerschaft und alle politischen und gesellschaftlichen Rechte, die der Staat auch seinen Bürgern innerhalb der Grenzen von vor 1967 gewährt. Demgegenüber verkleinert Israel den Lebensraum, die Arbeitsmöglichkeiten und die Bewegungsfreiheit der palästinensischen Bevölkerung. Es verschließt vor ihnen anhand von Militärerlassen die eigenen Gebiete, indem es große Flächen zu militärischen Sperrgebieten erklärt, zu denen die Palästinenser keinen Zugang haben. Dadurch besetzt Israel privaten Grund und Boden zugunsten seiner eigenen Bürger. Es sperrt die palästinensischen Ortschaften hinter Stacheldraht und Straßensperren ein, zerstört Wohnhäuser und verbietet den Bau von Wohnungen. Israel verhängt über die palästinensische Bevölkerung Kollektivstrafen und hält tausende von Männer, Frauen und Kinder (seit 1967 mehr als eine Million) in Gefängnissen und Konzentrationslager. All das entgegen dem internationalen Recht.

Die israelischen Siedlungen in der Westbank erlauben den palästinensischen Bewohnern keine Möglichkeit der Expansion für eine politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Existenz. Die Siedlungsblocks und auch die kleinen Siedlungen schaffen Grenzen zwischen dem Süden und dem Norden, dem Osten und dem Westen Palästinas. Sie spalten die Gebiete der sogenannten Autonomie-Verwaltung in unzählige Enklaven und machen damit eine Zwei-Staaten-Lösung unmöglich.

Seit 1967 findet diese israelische Tätigkeit in aller Öffentlichkeit statt. Heute ist sie absolut im Einklang mit der offiziellen politischen Ideologie der Parteien, die die Regierung in Israel bilden, die auch behaupten, dass ganz „Eretz-Israel“ dem jüdischen Volk allein gehört. Mehr noch, die religiös-fundamentalistische Basis, die sich mehr und mehr in den Siedlungen ausbreitet, verwandelt nach und nach den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern in einem Konflikt zwischen Juden und Moslems. Diese gefährliche Entwicklung, die schon sehr weit fortgeschritten ist, kann am Ende zu einem Religionskrieg ausarten, der vollkommen außer Kontrolle gerät. Ein solcher Krieg kann die ganze Region auslöschen.

Diese gefährliche Lage ist nicht allein eine Sache der Israelis, sondern auch die Sache der internationalen Gemeinschaft, ganz besonders aber die Sache der Europäer. Und in der Tat haben die Institutionen der internationalen Gemeinschaft im Laufe der Jahre und Jahrzehnte viele Entscheidungen getroffen, um diese gefährliche Situation zu stoppen. Aber keine dieser Entscheidungen wurde von Israel akzeptiert und schon gar nicht eingehalten. Am 23. Dezember 2016 hat der Sicherheitsrat der UNO die letzte Resolution verabschiedet, die Resolution Nummer 2334, die unter anderem Folgendes besagt:

  • Die Errichtung von Siedlungen durch Israel seit 1967 hat keine politische Relevanz und sie bedeutet eine eindeutige Verletzung des internationalen Rechts und ein wesentliches Hindernis für eine gerechte und friedliche Lösung.
  • Israel muss sofort und endgültig damit aufhören Siedlungen, auf palästinensischen Gebiet zu bauen und zu erweitern.

Aber auch diese Resolution war ein „zahnloser Tiger“ wie alle davor, weil keine Schritte und Möglichkeiten für Zwangsmaßnahmen eingebaut wurden. Und so wurden die Beschlüsse dem Spott preisgegeben.

Aus diesen Gründen und weil wir uns Sorgen machen, wenden wir uns an die internationale Gemeinschaft, weil diese verantwortlich ist dafür, dass Israel die Beschlüsse akzeptiert und honoriert.

Wir wenden uns an die internationale Gemeinschaft, weil wir – alle Israelis, die in Israel leben – hier leben wollen, in Frieden an der Seite unserer palästinensischen Nachbarn. Leben und leben lassen. Unsere Regierung aber hat den Weg des Krieges gewählt. Nie waren die Dinge so klar wie heute. Denn wenn es in dieser Region nicht zum Frieden kommt, wird es hier bald kein Leben mehr geben – nicht für die Palästinenser und nicht für uns.

……………………………….

Im Übrigen: Ich stelle Sicherheitsminister Gilad Erdan meine persönlichen Daten zur Verfügung, falls er mich auf der Basis der neuen Gesetze verfolgen, verhaften und verurteilen kann: Ich bin 1944 geboren, bin israelische Staatsbürgerin und wohne in Jerusalem. Ich bin nicht aktiv bei BDS, auch wenn ich mit meiner israelischen Stimme – von innen und nicht von außen – dazu aufrufe, Israel zu boykottieren, um es zu zwingen seine Politik zu überdenken und zu ändern. Mein Kampf ist nicht gegen Israel, sondern gegen seine Politik gerichtet. Noch ist das demokratische Gesetz nicht erfunden und geboren, das einem Volk verbietet, für seine humanistischen und universalen Rechte zu kämpfen.

Im Namen des Lebens, gegen einen fundamentalistischen religiösen Staat, gegen Nationalismus und Rassismus, wenn unser Leben hier nicht moralisch und physisch scheitern soll.

Ursprünglich veröffentlicht auf "Der Semit": http://der-semit.de/ja-das-gesetz-boykottieren/

Freunde Israels, boykottiert diesen Staat! Gegen die israelische Politik der Apartheid aufzubegehren, ist nicht antisemitisch, sondern stellt die höchste Form der Loyalität dar.

Gastbeitrag von Daniel Boyarin, Frankfurter Rundschau, 20. März 2017

Seit ich hier in Deutschland bin, im ersten Jahr als „Fellow“ am Max-Weber-Kolleg und jetzt als Humboldt-Preisträger an der FU Berlin, ist mir folgendes bewusst geworden: Mehr noch als in den USA, werden die Unterstützer der „BDS“-Kampagne (Boycott, Divestment, Sanctions – Boykott, Desinvestitionen, Sanktionen) in Deutschland zu Antisemiten gestempelt, und ihr Vorgehen wird mit dem berüchtigten NS-Boykott jüdischer Geschäfte in den 1930er Jahren verglichen, um nicht zu sagen gleichgesetzt.

Ich bitte um Differenzierung.

Erlauben Sie mir, mich kurz vorzustellen. Ich bin Taubmann-Professor für Talmudische Kultur an der Universität von Kalifornien in Berkeley. Ich habe mein Leben dem Studium und der Lehre der jüdischen Klassiker verschrieben, sowohl in meiner Position an der Universität als auch mit Auftritten in Synagogen und anderen öffentlichen Orten. Nichts Jüdisches ist mir fremd, obwohl ich intellektuell und moralisch einer Reihe von Aspekten des historischen und zeitgenössischen Judentums kritisch gegenüberstehe, genau wie dem politischen und moralischen Verhalten des Staates Israel in der heutigen Zeit.

Vielleicht lässt diese kritische Haltung mich in den Augen mancher Deutscher als Antisemit dastehen – aber doch nicht, so hoffe und vertraue ich, in den Augen der meisten.

Das besagte Verhalten Israels hat in der jüngsten Zeit so ungeheuerliche Ausmaße angenommen, dass ich mich zu deutlich vernehmbarem Protest veranlasst sehe – Protest um der Gerechtigkeit willen, und zwar jener Gerechtigkeit, die zu verfolgen mich die Torah auffordert.

In der Tat hat mich die Zerschlagung der Rechte beider palästinensischer Bevölkerungsteile – der „arabischen“ Bürger Israels und der Bewohner der von Israel besetzten Palästinensergebiete – davon überzeugt: Ein machtvoller, aber nicht gewaltsamer Widerstand tut Not. Ausgerufen wird er von überall auf der Welt, von den Palästinensern selbst, von moralisch wachsamen Beobachtern außerhalb der beteiligten Bevölkerungsgruppen und nicht zuletzt – ja, keinesfalls zuletzt – von Juden innerhalb wie außerhalb Israels, denen zutiefst am Schicksal des jüdischen Volks und seinem moralischen Ansehen in der Welt liegt.

Wir können ebensowenig stillsitzen und das autoritäre, rassistische und militaristische Verhalten dieser Regierung zulassen, die uns zu repräsentieren beansprucht, wie Deutsche guten Willens untätig dabeisitzen können, wo die AfD nach der Macht greift, wo ihr unterdrückerisches, gewalttätiges Treiben gegen Flüchtlinge und andere sogenannte Nicht-Deutsche in Deutschland anhebt.

Dagegen aufzubegehren, ist keine Illoyalität gegenüber dem eigenen Volk, sondern vielmehr die höchste Form von Loyalität. Ich bin um keinen Deut mehr ein Antisemit, als ein deutscher AfD-Gegendemonstrant ein Volksverräter ist.

An diesem Punkt angelangt und aus dieser Warte betrachtet, erscheint wirtschaftlicher Druck als effektivste Form der Einflussnahme auf den unterdrückerischen, gewalttätigen Staat Israel. Ein solches Vorgehen ist moralisch und politisch analog zu den Boykotten gegen das Apartheid-Regime in Südafrika, die zu dessen Ende beigetragen haben.

Am Bündnis der Unterstützer eines solchen Boykotts gegen das Apartheid-Regime in Israel beteiligen sich viele, die weder Palästinenser noch Juden sind. In ihrer weit überwiegenden Mehrheit handelt es sich um Menschen guten Willens, die an vielen Fronten für Gerechtigkeit kämpfen – die Gerechtigkeit für das palästinensische Volk eingeschlossen.

Dieser Kampf um keinen Deut mehr ein antisemitischer Kampf, als der Boykott gegen Südafrika ein anti-holländischer war oder als Boykotte gegen das kommunistische China oder Putins Russland für einen anti-asiatischen oder antislawischen Rassismus stehen.

Bitte, ihr Deutschen, denkt darüber nach! Wie erweist ihr euch als wahre Freunde des jüdischen Volkes? Etwa, indem ihr unsere AfD unterstützt? Oder indem ihr die gelten lasst und unterstützt, die für eine demokratische und gerechte Zukunft kämpfen? Eine Zukunft für die Juden und für die Palästinenser in Palästina.

Aus dem Englischen von Joachim Frank.

Jerusalem – Unheilige Stadt Fotoausstellung von Wolfgang Strassl

18. März 2017 – 07. April 2017

08:00 Uhr – 23:00 Uhr | Glashalle, 1. OG

Eintritt frei

Ausstellungen – Ausstellung

TERMIN SPEICHERN

Jerusalem steht seit Jahrzehnten im Brennpunkt des Nahostkonflikts. Vor allem in Ost-Jerusalem und dem umliegenden Westjordanland hat der Konflikt das Stadtbild in bedrückender Weise geprägt.

Palästinensische Einwohner und israelische Siedler leben dort zusammen in einem städtischen Ballungsraum, jedoch in feindlicher Nachbarschaft, voneinander abgeschottet durch hohe Mauern und Zäune und ohne jede Aussicht auf Versöhnung.

Mit seinen dokumentarischen Fotografien zeigt der Münchner Fotograf Wolfgang Strassl, der viele Jahre mit Zweitwohnsitz in Israel gelebt hat, die tiefen Spuren und Narben, die Hass und Misstrauen in dieser urbanen Landschaft hinterlassen haben.

Ein Bildband mit seinen Fotografien ist unter dem Titel »Homeland – East Jerusalem Landcapes« im Kerber Verlag erschienen – http://wolfgangstrassl.com

Vernissage:
18.3., 17:00 Uhr

(Wolfgang Strassl, München)

 

 

 

 

 

"Gaza Surf Club" - Filmstart in München

Eine junge Generation, die in Gaza zwischen Israel und Ägypten gefangen ist und von der Hamas regiert wird, zieht es zu den Stränden. Sie hat genug von Besetzung, Krieg und religiösem Fanatismus und ihre ganz eigene Art des Protests gefunden: Surfen.

Der Gazastreifen ist ein schmaler Küstenstreifen zwischen Israel und Ägypten mit einem Hafen, in dem keine Schiffe mehr anlegen und einem Flughafen, der nicht mehr angeflogen wird. Kaum jemand kommt heraus, fast nichts und niemand kommt hinein. Mit ihren Surfbrettern schaffen sich die Surfer ein kleines Stück Freiheit, zwischen dem Strand und der von den Israelis kontrollierten Sechs-Meilen-Grenze. Freiheit, die ihnen keiner nehmen kann. Der Film zeigt die Träume und Hoffnungen der Jugendlichen dieser Grenzregion, in der die ältere Generation jegliche Hoffnung aufgegeben hat.

Der Film startet am 30.3. Genauere Informationen folgen in Kürze.

Link zum Trailer: https://www.facebook.com/GazaSurfClubFilm/videos/1676322732692025/

Antisemitismus-Vorwürfe in Hamburg. Schreiben an Bischöfin Fehrs

Sehr geehrte Frau Bischöfin Fehrs,

als Jüdin, in Jerusalem geboren, wehre ich mich gegen die Behauptung, dass BDS antisemitisch sei. Ich kann gut nachvollziehen, dass man Angst um den wachsenden Antisemitismus in Deutschland hat - auch mir bereit dieser große Sorgen. Aber gerade das Einknicken mehrerer Institutionen schürt eher den Antisemitismus. Denn die Stimmung gegenüber Israel und den Juden hierzulande wird immer aggressiver. Viele Menschen können die doppelten Standards, wenn es um die Politik des Staates Israel geht, nicht nachvollziehen. Auch aus diesem Grund versuchen mein Mann und ich schon seit Jahren das Auswärtige Amt und das  Bundeskanzleramt davon zu überzeugen, wie wichtig es ist, die Besatzung zu beenden.

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Schreck, lass nach!

von Reiner Bernstein[1]

Seit dem Einzug des Twitter-Präsidenten Donald Trump ins Weiße Haus beginnt sich die Europäische Union auf ihr Gewicht als eine weltpolitische Zentralmacht zu besinnen. Noch hält sie an der Zwei-Staaten-Lösung für Palästina fest, nachdem Trump es soeben der israelischen Politik überlassen hat, über das Schicksal der Palästinenser zu bestimmen.

Symptomatisch dazu geht die Einladung der Konrad-Adenauer-Stiftung in Jerusalem zum Symposium „100 Jahre seit der Balfour-Deklaration“ für den 28. Februar bei uns ein. Zur Mitwirkung an der Planung ist der frühere UN-Botschafter und zuletzt Generaldirektor des Auswärtigen Amtes Dore Gold eingeladen, heute Chef des „Jerusalem Center for Public Affairs“ – einer staatlich geförderten Beratungseinrichtung am äußersten rechten Rand. Gold und Moshe Arens, Verteidigungs- und Außenminister in der Regierung Yitzhak Shamirs, trommeln seit langem gegen die Zwei-Staaten-Lösung.

Die Erklärung des britischen Außenministers Arthur James Balfour am 02. November 1917 erteilte dem gesamten jüdischen Volk die Zustimmung zur Errichtung einer nationalen Heimstätte in Palästina. Ihr Adressat war weder der in Berlin lebende Präsident der weltweit kleinen zionistischen Organisation, der Botaniker Otto Warburg, noch ihr Verhandlungsführer in London, der Chemiker Chaim Weizmann. Den Juden in aller Welt sollte durch die Bekundung kein staatsbürgerlicher Eintrag geschehen, und den „bestehenden nichtjüdischen Gemeinschaften“ (642.000 gegenüber 58.000 Juden), war zugesagt, das „nichts geschehen soll, was ihre bürgerliche und religiösen Rechte beeinträchtigt“.

Führende zionistische Repräsentanten ließen es an Warnungen nicht fehlen: Die „Niederlassung“ begebe sich in die Abhängigkeit einer Kolonialmacht zu einer Zeit, als deren Einfluss zu bröckeln beginne: Ägypten wagte erste Schritte in die Unabhängigkeit, Frankreich sicherte sich in Syrien/Libanon seine Vorherrschaft, indem sie den haschemitischen Prinzen Faisal nach Bagdad abschob, und 1923 entstand das Haschemitische Emirat Transjordanien.

So äußerte sich der als Vater des Siedlungswerks hochgelobte Arthur Ruppin, der Anfang 1908 das Büro der „Palestine Land Development Company“ (PLDC) in der nach einem syrischen Christen benannten Bustrus-Straße in Jaffa eröffnet hatte, reserviert: Die „Balfour-Deklaration wird für uns ein Fluch sein, wenn wir glauben, dass durch sie für uns Rechte in Palästina ‚begründet‘ sind“. Ein Vaterland bekomme man nicht durch diplomatische Beschlüsse zugewiesen. Dagegen versicherte US-Präsident Woodrow Wilson dem Gründer des Jüdischen Weltkongresses und dessen ersten Präsidenten Stephen Wise: „Don’t worry, Dr. Wise, Palestine is yours.“

David Ben-Gurion wurde noch deutlicher. In seinen Memoiren führte er aus, dass die Deklaration nicht der Zustimmung der arabischen Bevölkerung bedurft habe oder dass diese sich mit ihr hätte abfinden müssen: „Großbritannien nahm eine Verpflichtung auf sich, die die ganze Welt anerkannte – das uralte Recht des jüdischen Volkes auf Palästina. Die Rechte der Nichtjuden im Lande kommen erst danach.“ Weizmann wollte in der Deklaration immerhin eine „Doppelsinnigkeit“ erkennen: Was Balfour darunter verstanden habe, sei so etwas wie ein britisches, US-amerikanisches oder sonstiges Protektorat über Palästina gewesen.

1937 verwahrte sich der strikt agnostische Vladimir Zeev Jabotinsky, seit Ende April 1925 Präsident der „Weltunion der zionistischen Revisionisten“, vor der Peel-Kommission gegen den Teilungsplan mit dem Argument, dass nicht „das britische Mandat uns das Recht auf dieses Land gab, sondern die Bibel“. Für Walid Khalidi, einen der führenden palästinensischen Historiker, war das Balfour-Dokument das destruktivste Dokument des 20. Jahrhunderts für den gesamten Nahen Osten. Es blieb dem von Golda Meir geschassten Generalsekretär der Arbeitspartei Arie Lova Eliav vorbehalten, eine entsprechende Erklärung für die Palästinenser zu fordern.

Von einer Historisierung der Umstände und der Folgerungen vom 02. November 1917 ist im Programm der Adenauer-Stiftung nichts zu spüren. Wohlweislich haben die Veranstalter auf palästinensische Referenten verzichtet. So schließt sich der Kreis der israelischen Geschichtspolitik seit dem Ersten Weltkrieg.       

[1]   Abgeschlossen am 17. Februar 2017.

 

Rede von Dr.Ruhama Marton, Gründerin und Präsidentin von Physicians for Human Rights Israel (PHRI) auf dem Kongress „Nicht in einer Demokratie: 50 Jahre Besatzung“

‚Alles was legal war, war unmoralisch, alles was moralisch war, war illegal.‘, schrieb Hannah Ahrendt zu einer anderen Zeit.

Ich finde, diese Worte beschreiben in dieser Zeit sehr gut die israelischen Institutionen und die Besatzung. Das heißt, in dieser Situation müssen wir uns entscheiden zwischen Gesetz und Moral. Ärzte für Menschenrechte hat die Moral gewählt. Die Organisation hat den Begriff Menschenrechte in den öffentlichen Diskurs in Israel eingebracht, als sie vor dreißig Jahren gegründet wurde. Die Moral zu wählen in Israel bedeutet, damals im Jahr 1988 wie heute,  eine Vereinigung des Widerstands zu sein. Eine Organisation, die nicht Teil des Mainstreams sein will, oder wie ich es lieber nenne, der radikalen Mitte. Es ist keine leichte Wahl und sie kostet einen hohen Preis. Die radikale Mitte betrachtetMenschenrechtsorganisationen als Verräter, als solche, die das Stammesgesetz, soziale Konventionen brechen.

Der Kampf von PHRI gegen Folter in den 90er Jahren, schloss das gesamte System mit ein: Jurisdiktion,  die diversen Sicherheitsbehörden und auch die israelische Ärztegewerkschaft. Deren damaliger Vorsitzender sagte über mich: Diese Frau an der Spitze von Ärzte für Menschenrechte Israel ist anti-israelisch, anti-zionistisch und antisemitisch. Diese Aussage weckte unter Tausenden von Mitgliedern der Gewerkschaft keinen Widerspruch. Denn es gibt hier in Israel tatsächlich eine klare Grenze zwischen Stammesgesetz und Moral.

Die Ärztinnen und Ärzte von PHRI fahren jeden Samstag in die Dörfer in der besetzten Westbank, in die Flüchtlingslager und Städte, und bieten dort mit unserer mobilen Klinik medizinische Versorgung an. Wir bitten die Armee nicht um Erlaubnis. Wir wollen diese Genehmigung nicht, die mit Begleitung Bewaffneter in Uniform einhergeht.

Die Arbeit unserer Ärzte ist vor allem eine deutliche Aussage gegen das Mantra der Regierung, es gäbe keinen Partner. Wir haben Partner. Unsere Fahrt in die Besetzten Gebiete an sich ist eine Erklärung der Solidarität mit den Besetzten und gegen die Besatzung. Erst nach dieser Aussage beginnt unsere medizinische Arbeit in den Besetzten Gebieten.

Im Kampf der PHRI zum Schutz der palästinensischen Gefangenen im Hungerstreik stellen wir uns an die Seite politischer Häftlinge, die Sicherheits-Häftlinge genannt werden. Unser Moralverständnis verpflichtet uns, gegen das Übel zu anzukämpfen, das ein Mensch dem anderen antut, nicht weniger als im Kampf gegen Krankheitskeime und Viren. Administrative Haft ist das Übel, gegen das wir an der Seite der Häftlinge und für sie kämpfen. Administrative Haft ist der Grund ihrer Hungerstreiks.

Fünfzig Jahre lang haben wir israelischen Juden unser Leben als lebenswert und verteidigungswürdig definiert; dem gegenüber gibt es Leben, die schutzlos allein gelassen werden.

Über die Besatzung wird viel gesprochen.

Sie wird sehr unterschiedlich definiert. Aber als Ärztin weiß ich, wie der Arzt in „Die Pest“ von Camus, dass es nicht wichtig ist, wie die Krankheit heißt. Menschen sterben an ihr, und meine Aufgabe ist es, sie zu retten. Ich weiß auch, dass Rassismus gerade dort gedeiht, wo man ihn verleugnet; deshalb ist es wichtig, genau zu sein und die Dinge beim Namen zu nennen.

Ich stehe hier, um zu sagen, dass Besatzung und Apartheid fallen müssen, denn egal, wie sehr sie vertuscht werden mit Definitionen und üblen Verträgen, - der Mensch strebt zur Freiheit. Und wir sind hier, um das fortwährende Streben nach Anerkennung kenntlich zu machen,  denn es gibt kein Leben, das aufzugeben und schutzlos im Stichzu lassen wir das Recht hätten. Deshalb wollen wir mit den Gesetzen von Besatzung und Apartheid nicht kollaborieren. Wir arbeiten aus moralischen Gründen, auch wenn sie mit dem Gesetz nicht überein stimmen.

(ins Deutsche übertragen von Weichenhan-Mer G.)

Seid Stark von Ilana Hammermann, Haaretz, 12.02.2017 (übersetzt von Gudrun Weichenhan-Mer)

Seid stark, ihr Soldaten, die ihr das Schweigen brecht. Seid stark, ihr, die ihr die Organisation „Das Schweigen brechen“ gegründet habt und dafür arbeitet, die ihr diesen Soldaten ein Forum gebt. Und seid besonders stark, Leiter der Jerusalemer „Galerie Barbur“, die ihr sie eingeladen habt, und uns, um ihnen zuzuhören. 

Kurz vor der Veranstaltung wandte sich Kultusministerin Miri Regev an den Bürgermeister von Jerusalem mit der Forderung, die Veranstaltung zu verhindern, da die Organisation „sich um die Schädigung des Bildes Israels in der Öffentlichkeit“ bemühe und „es in düsteren Farben als unmoralischen Staat“ darstelle, „der durch Kämpfer der israelischen Verteidigungsarmee Palästinenser schädigt“. Der Sprecher der Ministerin stellte fest: „Der Vortrag wird dort auf keinen Fall stattfinden“, und die Stadtverwaltung Jerusalem gab bekannt: Die Galerie Barbur wird geräumt.

Die Veranstaltung fand trotzdem statt. Und wie! Die Räumlichkeiten in der Galerie reichten nicht aus, um die Besucher zu beherbergen. In den Gassen daneben hatten nicht all die jungen Demonstranten Platz, die dicht gedrängt und entschlossen den Demonstranten gegenüber standen, die die Veranstaltung verhindern wollten. Die Rufe und Parolen von beiden Seiten waren im Saal gut zu hören. Die Furcht vor gewalttätigen Auseinandersetzungen, die uns dorthin begleitete - wir waren fast alle etwas ältere Mitbürger, die gekommen waren, um den Jungen zuzuhören -, erschwerte das Zuhören ein wenig. Aber der sehr persönliche, klare und aufrichtige Vortrag des jungen Nadav war dann doch stärker als die Unruhe draußen und die Spannung drinnen. Er erzählte von seinem Weg, vom Dienst in der Armee - Polizeiarbeit in den besetzten Gebieten - bis zur schwierigen Entscheidung, „das Schweigen zu brechen“. Er erzählte, was er und seine Freunde dort tun und getan haben: Angefangen von physischen Verletzungen und Schädigung von Besitz von Palästinensern bis zum Befolgen von Befehlen der Siedler. Ja, er hat den Staat Israel in düsteren Farben gezeichnet wie auch die anderen Zeugenaussagen derer, die das Schweigen brechen. 

Ja, ihre Stimme wird gehört und beschädigt das Image Israels; da hat Frau Regev Recht. Sie geht aber tiefer als die Wahrheit der Ministerin, sie ist auch wichtiger. Es geht hier nicht um einen Ruf, sondern um eine zerstörerische, gefährliche Identität, die auf dem Weg ist, unwiderruflich irreparabel zu werden - davon erzählen diese Zeugenaussagen. 

Wer behauptet, dass sie lügen, sagt die Unwahrheit. Jeder Bürger Israels, der in die besetzten Gebiete kommt, weiß, dass nicht weiter nachgeforscht werden muss, ob „Breaking the Silence“ seine Berichte genau nachprüft. Jeder kann sich die Überreste der zerstörten Häuser und Zelte ansehen, die bedrohlichen Checkpoints, die in der gesamten Westbank errichtet wurden, die engen, gefährlichen Straßen, die den Palästinensern zugeteilt wurden, und vor allem: die Inbesitznahme weiter Gebieten durch die Siedler. 

Diese ganze verquere und kriminelle Realität findet unter dem Schutz der Armee und ihrer Soldaten statt. Wie lächerlich, dass so viele Zivilisten in der israelischen Gesellschaft, von Ilana Dayan und Yair Lapid bis Miri Regev und Benjamin Netanyahu sich anstrengen, um „Breaking the Silence“ der Lüge zu überführen. 

Es wird ja nichts davon heimlich durchgeführt. 

Geht hin in die besetzten Gebiete, wo die Armee unter dem Oberbefehl der Siedler herrscht, und seht euch an und hört, was den Soldaten dort befohlen wird, und wie die 18-, 19jährigen jungen Männer aussehen, bewaffnet bis an die Zähne, die diese Befehle ausführen!  

Bis dahin, ihr schweigenden Mehrheiten, respektiert die Soldaten, die das Schweigen brechen, hört ihnen zu und verteidigt ihr Recht, in Israel und im Ausland zu sprechen. Ihr Recht wiegt schwerer als unseres, denn sie bezahlen unmittelbar für ihr Tun, körperlich und seelisch, für eine Ideologie— und nicht zur Verteidigung der Sicherheit Israels und seiner Bürger. Das ist heute klarer zu sehen als je zuvor. 

Bei all den Schwierigkeiten und dem Schmerz, es wäre besser man würde uns boykottieren.

Ilana Hammermann (übersetzt von Abi Melzer)

„Der Aufruf zu einem politisch begründeten Boykott, ist ein legitimes Mittel, das in den Rahmen der freien Meinungsäußerung fällt“, so stellte es letztens ein Leitartikel der Redaktion von Haaretz dar. (Es gibt keinen Einlaß für Besucher. 17.1.2017)  Die Worte sind geschrieben worden anlässlich des Beschlusses einer Gesetzesvorlage durch die Innenkommission der Knesset, die verbieten soll, Einreisegenehmigungen an fremde Staatsbürger zu erteilen, die zum Boykott Israels oder zum Boykott der Siedlungen aufrufen. Ich stütze mich also auf eine Feststellung von Haaretz – die einzige Zeitung in Israel, die nicht nur weiter die Freiheit der politischen Meinung verteidigt, sondern auch täglich mit immer größer werdenden Entschlossenheit daran festhält– und wende mich an die Bürger Israels, die sich zum Friedenlager zählen, sich an die Weltöffentlichkeit mit dem Aufruf zu wenden, Israel, ihr Land, zu boykottieren.

Ich bin keine Fremde und ich wende mich auch nicht an fremde Bürger. Ich weiß nicht, ob ich damit irgendein Gesetz von den undemokratischen und nicht legitimen Gesetzen verletze, die in diesen Tagen in Israel erlassen werden, um mir und meinen Freundinnen und Freunden – alle Israelis – die Meinungsfreiheit und unsere menschliche und politische Freiheit zu nehmen. Aber eines weiß ich: Ich bin mit meinem Körper und meiner Seele an dieses Land gebunden, in dem ich vor 72 Jahren geboren wurde und dem ich - mit meiner beruflichen Tätigkeit und meinem gesellschaftlichen Engagement - meine besten Jahre geopfert habe. Ich kann diese Verbindung nicht mehr freiwillig aufheben. Ich habe, im wahrsten Sinne des Wortes, kein anderes Land.

Von diesem Ort aus, als israelische Bürgerin und als Frau, die verbunden ist mit dem öffentlichen Leben in Israel, stelle ich fest, dass das Land, dessen Staatsbürgerin ich bin,  mein Grundrecht auf Basis meines Gewissens zu leben, nicht schützt und ehrt . Das Judentum, das es mir aufzwingen will, mit seinen Gesetzen, ist nicht mein Judentum, und der nationale und rassistische Fanatismus seiner Regierung steht meinen mir sehr teuren Werten entgegen. Diese Fehler sind die innere Sache der israelischen Gesellschaft, und ich habe das Recht und vorerst auch die Möglichkeit, von innen um ihre Korrektur zu kämpfen.

Die Tatsache, dass Israel regelmäßig das internationale Recht verletzt, berechtigt die Einmischung der internationalen Gemeinschaft. Dieses Recht wurde nicht beschlossen, damit jedes Land macht was es will und was seine Bevölkerung für gut erachtet. Es ist beschlossen worden aufgrund der Lehren aus dem Zweiten Weltkrieg, in dessen Verlauf Millionen Menschen getötet, verhaftet, vertrieben und ermordet wurden. Es ist also dafür gedacht worden, die zivile Bevölkerung, die in eroberten Gebieten lebt, zu schützen.

Israel hält die palästinensische Westbank besetzt und herrscht über das Schicksal von Millionen arabischer Bewohner. Es tut dies rein aus dem Recht der Eroberung, der Besatzung und der militärischen Überlegenheit und dadurch verletzt es alle Grundsätze dieser humanitären Vereinbarungen: Es siedelt seine Bürger in diesen Gebieten an; es zerstört Eigentum von Einzelnen und von Gemeinden; es beschlagnahmt private und öffentliche Ländereien für eigene Zwecke und für die Zwecke der Siedler; es wendet gegen die Bevölkerung regelmäßig und systematisch kollektive Strafen an; es beschränkt die Bewegungsfreiheit der Bewohner; es hält tausende und abertausende Häftlinge in Gefängnissen. Fast eine Million Palästinenser wurden durch die israelischen Sicherheitskräfte seit 1967 verhaftet. Aufgrund von Urteilen von Militärgerichtenoder sogar ohne irgend ein Urteil.

All diese systematischen Verletzungen der Menschenrechte passierten nicht in Kriegszeiten, nicht kurzfristig für ein oder zwei Jahre, sondern über einen Zeitraum von von 50 Jahren. Es ist nicht notwendig, ein Jurist oder ein Militärexperte zu sein, um festzustellen, dass diese systematische Politik keine gesetzliche Grundlage hat – es reichen offene Augen und ein gesunder Menschenverstand um zu verstehen, dass ideologische Gründe, ob versteckt wie in der Vergangenheit oder offen wie heute, diese Politik leiten.

Und deshalb, als israelische Bürgerin und als Frau, die am politischen und gesellschaftlichen Leben beteiligt ist, nehme ich mir seit vielen Jahren das Recht, meine Augen offen zu halten undZeugnis abzulegen, über diese ungesetzlichen Verletzungen der Menschenrechte, des Lebens, des Besitzes, der Würde und der Freiheit von Menschen, die mein Land, seine Soldaten, Verwaltungen, Beamte nur wenige Kilometer von meinem Zuhause verursachen. Und in den letzten Jahren – angesichts der Gleichgültigkeit der meisten Bürger Israels – nehme auch ich mir das Recht und die Pflicht aufzuschreien und die Bürger aufzufordern die Gesetze und Verordnungen zu missachten. Und ich missachte sie auch selbst: ich befreunde mich mit Palästinensern in den besetzten Gebieten, trotz der vielen roten Schilder, die es mir verbieten, schmuggele von Fall zu Fall einen Arbeiter zu seinem Arbeitsplatz, eine Frau und ihre Kinder zum Strand in Tel Aviv, einen Vater, Brüder und Schwester zu einem Familienangehörigen, der in einem Krankenhaus in Israel liegt, und noch viele Kleinigkeiten, die nicht erwähnenswert sind.

Aber während ich diese Taten aus vollem Herzen und freien Willen, aus politischen und humanitären Gründen und aus dem Willen verfolgten Menschen zu helfen tue, so entschloss ich mich zu diesem Aufruf aus Not, aus innerem Schmerz und großer emotionaler Schwierigkeit, und ich tue es aus reinem politischen Pragmatismus.

Denn Israel ist sicherlich nicht das einzige Land auf der Welt, das es verdient hat boykottiert zu werden. Im 20. Und auch im 21. Jahrhundert gab es und gibt es vielfach größere Verbrecher. Die größten Entsetzen und Verbrechen in der Neuzeit haben einige europäische Staaten verursacht, mit ihrer Unterdrückung und Ausbeutung ihrer Kolonien in Afrika und Asien. Die UdSSR hat auch Millionen von Menschen vernichtet, die durch Hunger und Folter getötet wurden. Die USA haben zwei Atombomben in Japan abgeworfen und Millionen Menschen getroffen und in Vietnam chemische Waffen eingesetzt. Und heute, wenn man nur Sanktionen gegen China beschließen könnte, wegen der grausamen Unterdrückung der eigenen Bevölkerung und gegen Russland, wegen der barbarischen Einmischung in Syrien, aber das geht leider nicht. Das sind Großmächte von denen die Welt abhängig ist und nicht umgekehrt.

Israel, demgegenüber, ist ein Staat, dessen Wirtschaft von der Welt abhängig ist, und ein Wirtschaftsboykott, oder zumindest Sanktionen, wie man sie über den Iran verhängt hat, würden seine Politik sicher beeinflussen, und sogar die öffentliche Meinung. Die Lebensgewohnheiten der Bevölkerung werden hart getroffen und die Menschen werden endlich über die Realität nachdenken müssen, in der sie leben – wenn nicht auch über das Unrecht oder das Dynamitfass, in dessen Nähe sie weilen. Und so, nur so, könnte der Weg zu einer neuen Wirklichkeit gebahnt werden, zu einer friedlichen Lösung. Denn es ist einerlei wo genau das Recht in diesem Konflikt sich befindet. Eines ist klar, nämlich dass die ungeheure Macht in den Händen der Israelis ist und nicht in den Händen der Palästinenser. Dass Israel mit seiner Militärmacht – und nicht die Palästinenser mit ihren Messern und Lastwagen – die Realität in der Region bestimmt.

Aber es ist notwendig, dass der Ruf nach einem solchen Boykott aus Israel selbst kommt – aus dem Mund der vielen braven Bürger, die sich um ihr Schicksal und das ihres Staates kümmern. Ja, über ihr Schicksal und nicht das Schicksal der Palästinenser – über ihr physisches und moralisches Schicksal, das heute in den Händen von Politikern liegt, die Israel zu Absturz und Untergang führen. Ja, sie sind zahlreich und brav, diese Bürger, obwohl sie im Moment noch eine Minderheit sind. Diese Regierung meint die Minderheit ignorieren zu können. Aber nirgends ist die Entscheidung der Mehrheit eine Garantie für eine wahre Demokratie – und sicherlich nicht dort, wo sie über das Schicksal von Millionen entscheidet, die selber nicht entscheiden dürfen.

Und in der Tat, diese vielen Bürger, die noch eine Minderheit sind, sehen schon sehr klar, dass eine solche Katastrophe über unseren Köpfen hängt. Darüber legen zum Beispiel die immer schärfer werdenden Artikel in Haaretz Zeugnis ab. Sie bitten und flehen die Bürger an: Habt Mut, geht auf die Straße – als ob die Straßen uns noch gehören würden.

Aber es sind leere Worte: Wir sind offensichtlich nicht geboren Mut zu haben, angesichts eines aggressiven Pöbels. Deshalb lasset uns im Stillen Mut haben und im Stillen mit einem klugen Apell an die internationale Gemeinschaft wenden, Israel wirtschaftlich zu boykottieren. Ja, Israel, nicht nur die Siedlungen, denn schon seit langem gibt es keine zwei Wirtschaftssysteme im Land mehr: Es gibt ein Wirtschaftssystem auf beiden Seiten der Grünen Linie. Lasst uns das machen, aus einem gemeinsamen Willen - wir, die wenigen Millionen – umgeben von Dutzenden von Millionen, die wie unsere politischen Führer beschlossen haben, dass wir ewig das Schwert tragen sollen.

Wenn diese Stimme zur Rettung unseres Staates von uns kommen wird, klar und deutlich und gut begründet, wird es welche geben, die uns zuhören werden, obwohl wir die Minderheit sind. Kein Mensch wird uns beschuldigen können, wir seien Antisemiten oder Israel-Hasser; schließlich sind wir Juden und Israelis und als Juden und Israelis wollen wir hier bleiben – um hier zu leben und nicht um hier zu sterben.

 

 

Begrüssung von Judith Bernstein: "Die Geschichte des anderen hören"

Im Namen der Jüdisch-Palästinensischen Dialoggruppe München begrüße ich Sie zur heutigen Veranstaltung. 

Zunächst möchte ich mich bei unseren Partnern bedanken - bei Frau Höcht-Stöhr für die Evangelische Stadtakademie München und bei Frau Tiedemann für die Petra-Kelly-Stiftung. Mein Dank gilt auch Frau Di Gennaro vom Gasteig sowie Frau Kirschner, Herrn Leuprecht und Herrn Bibl vom Kulturreferat für ihre Unterstützung.

Durch den Abend führt Sie Jutta Prediger vom Bayerischen Rundfunk.

Einige von Ihnen haben vielleicht die Ereignisse und Irritationen der letzten Zeit in München mitbekommen. Es ging vom allem um Antisemitismus-Vorwürfe.

Deshalb freuen wir uns, die Vorsitzenden der Jüdischen und der Palästinensischen Gemeinden in Hannover, die Herren Michael Fürst und Dr. Yazid Shammout, bei uns begrüßen zu können. Wir möchten der für unsere Stadt wichtigen Frage nachgehen:

Was können wir aus den Erfahrungen im jüdisch-palästinensischen Dialog in Hannover für München lernen? Denn eins ist klar:  Wenn es in München nicht gelingt, uns gegenseitig anzuhören und zu respektieren - wie kann es zu einer Versöhnung zwischen Israelis und Palästinensern im Nahen Osten kommen? 

In einer Zeit, in der rechte Parteien in den USA und Europa im Aufwind sind, ist es umso wichtiger, dass Minderheiten wie Juden und Moslems zusammenfinden und mit der Mehrheitsgesellschaft entschieden dem gewachsenen Nationalismus entgegentreten. 

Für diejenigen, die die Jüdisch-Palästinensische Dialoggruppe München nicht kennen, möchte ich noch zwei Sätze hinzufügen:

Unsere Gruppe wurde 1985 von einem jüdisch-belgischen Ehepaar - Überlebende des Holocaust - und einem palästinensischen Flüchtling aus Qalandia gegründet. Die Gruppe ist ein Beweis dafür, dass Frieden zwischen Israelis und Palästinensern, zwischen Juden und Arabern möglich ist. Wir haben uns zum Ziel gesetzt, den Dialog über Hindernisse und Chancen zur Lösung des Konflikts zwischen Israelis und Palästinensern zu fördern. Wir treten für gleiche Rechte für alle Bewohner Israels und Palästinas ein. 

Mit der heutigen Veranstaltung hoffen wir, einen Beitrag zu leisten, damit München eine pluralistische und offene Stadt bleibt.